Der Völkermord an den Armeniern

Unter osmanisch-türkischer Herrschaft

Mit dem bilateralenVertrag von Diyarbekir (1639) endeten zwei Jahrhunderte türkisch-iranischer Vormachtkämpfe um das Armenische Hochland. Neun Zehntel des armenischen Siedlungsgebiets standen fortan unter osmanischer Herrschaft. Die siegreichen Osmanen behandelten die Armenier wie alle Nicht-Muslime als Bürger zweiter Klasse: Sie mussten zahlreiche Sondersteuern zahlen (unter anderem dafür, dass sie bis 1908 vom Militärdienst ausgeschlossen blieben), durften keine Waffen besitzen und mussten sich schon durch ihre Kleidung als Christen zu erkennen geben. Vor Gericht besaß ihre Zeugenaussage geringeren Wert als die eines Muslims.

Reformversuche während der Tanzimat-Periode (1839-1876) blieben Stück-werk. Die osmanische Verfassung (1876), die die rechtliche Gleichstellung aller Bürger beinhaltete, wurde kurz nach ihrer Verkündung aufgehoben und trat erst 1908 wieder in Kraft. Eine wirkliche Überwindung des religiös begründeten millet-Systems und der darin enthaltenen Ungleichstellung von Muslimen und christlichen Bürgern gelang bis zum Ende des Osmanischen Reiches nicht.


Europa und die Türkei

(Foto: Der Berliner Kongress: In der Mitte Reichskanzler Otto v. Bismarck, rechts die osmanischen Delegierten)

Die zur internationalen Regelung des russischen Sieges über das Osmanische Reich 1878 in Berlin abgehaltene Friedenskonferenz verfügte unter anderem in Artikel 61 des multilateralen Berliner Vertrages Verwaltungsautonomie für die „armenischen Provinzen“ des Osmanischen Reiches und machte deren Verwirklichung – die „Armenische Frage“– zur Angelegenheit der sechs damaligen europäischen Großmächte Russland, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Erst 1913, in einem Kriegsjahr, gelang es den „Mächten“ – namentlich Deutschland und Russland – der türkischen Regierung die Zusage zu einem Reformprojekt abzuringen. Doch bereits im folgenden Jahr 1914 setzte die osmanische Regierung das Projekt mit dem Hinweis auf den Kriegsausbruch aus und annullierte 1916 das Reformprojekt gänzlich.

Sowohl der deutsche evangelische Theologe und engagierte Armenierfreund Dr. Johannes Lepsius, als auch der norwegische Humanist, Naturforscher und spätere Oberkommissar des Völkerbundes, Fridtjof Nansen, hielten die Europäisierung der „Armenischen Frage“ für eine wesentliche Ursache des Völkermordes:

„Ich war 1913 in Konstantinopel. Während der Verhandlungen waren die Jung-türken aufs äußerste erregt darüber, dass die armenische Reformfrage wieder die Mächte beschäftigte, und doppelt erbittert, als sie infolge der Verständigung zwischen Deutschland und Russland in einer den Armeniern erwünschten Weise geordnet wurde. Damals wurde von jungtürkischer Seite geäußert: ‚Wenn Ihr Armenier von den Reformen nicht die Finger lasst, wird etwas passieren, demgegenüber die Massaker Abdul Hamids ein Kinderspiel waren.“

(Quelle: (Aus der Zeugenaussage des J. Lepsius vom 03.06.1921 vor dem Schwurgericht des Land-gerichts III von Berlin; Der Völkermord an den Armeniern vor Gericht: Der Prozeß Talaat Pascha. Neuaufl. Göttingen; Wien 1985, S. 60)

Fridtjof Nansen

Der von der Untätigkeit und Wortbrüchigkeit der westlichen Diplomatie zutiefst frustrierte F. Nansen schrieb Mitte der 1920er Jahre nach dem Scheitern seines „Marshallplans“ zur Rettung der überlebenden Armenier:

„Europas Völker und Staatsmänner sind der ewigen armenischen Frage müde. Selbstverständlich. Sie haben sich ja in dieser Frage nur Schlappen geholt. Schon der Name Armenien weckt in ihrem schlummernden Gewissen die Erinnerung an eine unheimliche Kette gebrochener oder unerfüllter Gelöbnisse, für deren Innehaltung sie niemals einen Finger gekrümmt haben. Ging es doch nur um jenes kleine, blutende, aber begabte Volk ohne Ölfelder und ohne Goldminen! Wehe dem armenischen Volk, dass es in die europäische Politik verwickelt wurde! Ihm wäre besser, wenn sein Name nie im Munde eines europäischen Diplomaten gewesen wäre. Aber das armenische Volk hat nie die Hoffnung aufgegeben. In steter, zäher Arbeit hat es gewartet, lange gewartet. – Es wartet bis auf diesen Tag.“

(Quelle: (Fridtjof Nansen: Betrogenes Volk: Eine Studienreise durch Georgien und Armenien als Oberkommissar des Völkerbundes. Leipzig 1928, S. 334)


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